Kritiken zur Aufführung „Honig im Kopf“

Kritik Schwabo Honig im Kopf

Kritik ZAK Honig im Kopf

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Lesung aus den Briefen und Werken von Ingeborg Bachmann und Paul Celan am Samstag, 18. November 2017, im Bergcafé Burgfelden

Kritik aus dem Zollernalbkurier am 21.11. 2017

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Anderthalb Stunden zu spät

Anderthalb Stunden zu spät

Theater unter der Laterne im Kräuterkasten

Anderthalb Stunden lang spielten am Freitag im Kräuterkasten Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein „Anderthalb Stunden zu spät“ von Gérald Sibleyras und Jean Dell.

Die Situation dürfte Ehepaaren bekannt sein: Er kommt im Mantel ins Wohnzimmer, ungeduldiger Blick auf die Uhr, auf die Tür. Sein Arbeitskollege hat zum Abendessen eingeladen, und Pierre will pünktlich erscheinen. Dann kommt seine Frau Laurence ins Zimmer, macht keine Anstalten, den Mantel anzuziehen, räumt den kleinen Tisch ab, starrt vor sich hin. Mit weinerlicher Stime erklärt sie, dass sie nicht gehen will. Sie kann nicht, sie fühlt sich alt, steht vor einem Abgrund, hat Angst vor der Zukunft. Pierre gibt ihr etwas Zeit, fünf Minuten, zehn Minuten, da müssten ihre Probleme doch zu lösen sein. Es werden anderthalb Stunden, in denen das Publikum alles über das Paar erfährt. Er, durchaus erfolgreicher Steueranwalt, sie mit gutem Universitätsabschluss, drei prachtvollen erwachsenen Kindern, seit gestern sogar ein Enkelkind, eine Familie, der es an nichts fehlt. Oder doch? Laurence war „bloß“ Mutter, hat zum Ausgleich nur die Malerei als Hobby. Sie kommt mit der Schwiegertochter nicht zurecht. Pierre beargwöhnt den Partner der Tochter. Mehr noch, die Beziehung des Paares basierte 19 Jahre lang auf einer Lüge. Laurence gesteht, dass sie damals gar keine Affäre mit Jacques hatte. Wie soll es weiter gehen, in sechs Monaten geht Pierre in den Ruhestand, wie werden sie leben, wie als alte Menschen ihre sexuelle Beziehung gestalten?

Zwei Personen im stets gleichen Zimmer, die anderthalb Stunden lang erklären, fragen, anklagen, triumphieren, trösten, das erfordert viel an Schauspielkunst. Christoph Holbein zeigt Pierre in allen Facetten. Herrisch streckt er Laurence den Mantel hin, betont leise und damit drohend jede Silbe „Du gehst jetzt in die Garage“, beginnt zu brüllen. Er bietet jovial Hilfe an, zeigt dann auch ehrliche Zuneigung, wenn er sich mit zärtlichem Lächeln nähert, fährt empört zurück, wenn er in seiner Eitelkeit getroffen wird. Er hat doch früher alles gut gemacht, den angeblichen Fehltritt der Frau zum erfolgreichen neuen Start ihrer Beziehung genutzt. Er stottert unsicher, wenn er ertappt wird. Laurence leidet, liegt kraftlos auf dem Sofa, resümiert klagend ihr Leben, das auf die Mutterrolle beschränkt war, weigert sich trotzig wie ein Kind, endlich mit aufzubrechen, steht an der Staffelei und wehrt ihn kühl ab, konstatiert scheinbar ganz sachlich seine Schwächen, räumt das Zimmer auf, als ob sie ihn vergessen hätte, wendet sich ihm dann wieder voll und ganz zu. Vereint sitzen dann beide auf dem Sofa, suchen körperlichen Kontakt. Gemeinsam versuchen sie, die Zukunft zu planen. Das wird richtig komisch, wenn er zur Steigerung der Libido getrennte Schlafzimmer vorschlägt und vorspielt, wie der, der gerade Verlangen verspürt, zum Zimmer des anderen schleicht. Ein Anfang ist gemacht. Da ist doch noch die Einladung. Und jetzt ist es Laurence, die ihren Mann drängt, dass sie endlich aufbrechen.

Anderthalb Stunden mussten die Gastgeber warten. Vielleicht werden sie Laurence und Pierre nie mehr einladen. Aber das Publikum verfolgt das Geschehen völlig fasziniert, und es ist sicher, dass Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein wieder einmal in den Kräuterkasten eingeladen werden.

Ute Büttner (23.02.2018)

Berichterstattung Schwarzwälder Bote, Dienstag, 14. November 2017 Kritik Anderthalb Stunden zu spät Schwabo 14.11.2017

Die Kritik aus dem Zollernalbkurier vom Donnerstag, 16. November 2017

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Auftritt bei der Eröffnungsgala zu den Albstädter Literaturtagen am Freitag, 10. November 2017, in der Festhalle in Ebingen

Berichterstattung Zollernalbkurier, Samstag, 11. November 2017: Bericht ZAK 2017 / Bericht ZAK 2017 2

Berichterstattung Schwarzwälder Bote, Samstag, 11. November 2017: Berichterstattung Schwarzwälder Bote

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Lilly unter den Linden – Aufführungen März bis Mai 2017

Kritik Zollernalbkurier Mai 2017 von der Aufführung im Kräuterkasten Kritik ZAK Lilly

Kritik Schwarzwälder Bote vom 17.03.2017 Lilly Kritik Schwarzwälder Bote 17.3.2017

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Goethe: Urfaust – Aufführungen August bis November 2016

Kritik Schwarzwälder Bote 27.07.2016: Urfaust Schwarzwälder Bote 27.07.2016

Kritik Südkurier 28.08.2016: Kritik Urfaust Hausen im Tal

Kritik Schwäbische Zeitung 28.08.2016: Kritik Urfaust Hausen im Tal 2

Kritik Zollernalbkurier 05.09.2016: kritik zak 05.09.16. kritik zak 05.09.2016

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Tom Kempinski: Getrennt – Aufführungen von April bis Mai 2016

Kritik Schwarzwälder Bote 20.4.2016: Getrennt

Kritik Getrennt ZAK 19.4.2016

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„Macht der Musik“: Musikalisch-literarische Lesung mit dem Städtischen Orchester Albstadt am Samstag, 21. November 2015, im Rahmen der Literaturtage

Kritik Schwarzwälder Bote Macht der Musik 23.11.2015

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Tony Dunham: Traumfrau verzweifelt gesucht

Kritik Schwarzwälder Bote Ebingen 29.7.2015

Theaterkritik Traumfrau Schwabo 02.07.2015

Kritik Traumfrau ZAK 1.7.2015

Theater unter der Laterne spielt auf dem Minigolfplatz in Hausen

Das „Theater unter der Laterne“ führt in der Reihe „Kult am Fluss“ ein Theaterstück von Tony Dunham auf dem Campingplatz in Hausen im Tal auf.

Früher war es für einen einsamen Mann richtig schwer, wieder eine Frau zu finden. Er musste Tanzveranstaltungen und Feste besuchen, oder die Dienstleistung eines Partnervermittlungsinstituts in Anspruch nehmen. Heute geht es per Anzeige viel schneller und bequemer. Aber auch besser? Um genau diese Frage ging es in dem Theaterstück „Traumfrau verzweifelt gesucht“ des Briten Tony Dunham. Gespielt hat das „Theater unter der Laterne“. Gastgeber und Veranstalter waren Cornelia Süßmuth und Günter Irion vom Minigolfplatz in Hausen mit ihrer Reihe „Kult am Fluss“.

Das Stück wurde von nur zwei Schauspielern aufgeführt – Christoph Holbein und Gabriele Gatzweiler. Alleine das schauspielerische Talent der beiden Balinger an sich ist beeindruckend genug. In Zusammenhang mit dem Dunham-Stück wurde daraus ein leckerer Cappuccino mit einer riesigen Schaumkrone. Doch zurück zum Stück. Harald (Christoph Holbein) ist ein erfolgreicher, moderner Mann, den seine Frau verlassen hat. Gabriele Gatzweiler ist seine gute alte, schwesterliche Freundin Henri, aber auch die Annonce-Frauen Trish, Kamilla, Gaby und Anja. Zunächst versinkt Harald in Selbstmitleid, bis ihn Henri auf die Chancen von Partnerschaftsanzeigen aufmerksam macht.

Zuletzt entdecken Henri und Harald, die sich seit 30 Jahren kennen, ihre Liebe zueinander. Die Beziehung dauert nur vier Monate – denn, so der Autor, „wir sind schließlich nicht in Hollywood“.

 

Wenn die Suche nach der Traumfrau zum Albtraum wird

Theater unter der Laterne spielt im voll besetzten Kunstwerkhaus in Ebingen

Allein schon die Fotos per Selbstauslöser, die Christoph Holbein alias Harald auf der Bühne des brechend vollen Kunstwerkshauses von sich schießt, sprechen Bände: der Verlogenheit und des Selbstbetrugs, genauso wie in den Kontaktanzeigen des Stückes „Traumfrau verzweifelt gesucht“ von Tony Dunham. Gemeinsam mit Gabriele Gatzweiler – sie schlüpft in sämtliche weiblichen Rollen des Stücks, etwa in die der Henriette, der besten Freundin Haralds – tritt er in dieser Boulevardkomödie auf: als Duo des „Theater unter der Laterne“. Beide bezaubern mit brillanter Körpersprache, Komik, Charme und Feinsinn.

Zum Stück: Harald ist Informationsanalytiker – von seiner Frau verlassen, versteht er die Welt nicht mehr. Das Einzige, was sie ihm noch gelassen hat, ist seine Namenstasse. Für ihn war es eine glückliche Ehe: „Wir kauften uns gegenseitig Geburtstagsgeschenke und unterstützten uns bei unseren jeweiligen Hobbys.“ Freundin Henriette will Harald zu einer neuen Liebe verhelfen und macht ihm schmackhaft, auf Kontaktanzeigen zu antworten.

Damit nimmt die Komödie ihren Lauf: Harald trifft auf die Amerikanerin Trish, Künstlerin, Aktivistin und Gesellschaftsanarchistin, die auf der Suche ist, aber nicht weiß wonach. Trish ist selbstbewusst und redselig; Harald redet derweil immerzu von seiner Verflossenen, denn im gleichen Lokal hat die Ex mit ihm Schluss gemacht: „Ich komme nicht mehr zu dir zurück, Harald – niemals!“ Auch die Verabredung mit der „poetischen“ Kamilla geht in die Hose. Vielversprechend dagegen bannt sich das Treffen mit Gabi an, die ihren Traummann mittels einer Auto-Metapher sucht. Harald ist nervös vor der Zusammenkunft und besäuft sich, was zu einer Magenverstimmung und enormen Kopfschmerzen führt. Dennoch bei Gabi fühlt sich der nach Liebe Suchende verstanden. Für Gabi hingegen sind Mann und Frau sexuell inkompatibel. Das Ganze entpuppt sich letztlich als „Kneipenwitz“. Auch die Kunst besessene Anja, die nach der „Zweipoligkeit der Einheit“ sucht, ist nicht die Richtige für Harald, der seine kulturellen Kenntnisse nur aus dem Buch „Literatur für Hochstapler“ hat. Zum Schluss lässt er sich auf das Beziehungsangebot von Henriette ein, was aber auch nicht lange währt, denn: „Das hier ist ja schließlich nicht Hollywood.“

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Lesung chinesische Literatur

Kritik Lesung chinesische Literatur

Schönheit und Gewalt

Lesung in der Galerie im Fehlochhof erzeugt Stille und wühlt auf

Meßstetten-Michelfeld. »Auch der schönste Traum endet mit dem Erwachen«: In der Galerie im Fehlochhof auf dem Michelfeld haben die Besucher eine Zeitreise durch die Jahrhunderte gemacht sowie ein Aufeinandertreffen von Kräften innerhalb der bildenden Kunst und der Literatur hautnah erlebt.

Die aktuelle Ausstellung »fern-östlich China« empfing die Gäste mit Ausgeglichenheit, Stille und einer Aussage, die das Auge verweilen lässt und ein Staunen erzeugt, das fast atemlos macht.

Dann begann die Lesung mit Beispielen aus der chinesischen Literatur. Dargeboten von Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein vom Theater unter der Laterne. Sie fand, dem Wetter geschuldet, im Wohnhaus statt, und das erwies sich der Sache wegen als gut, denn es waren zwei Welten und Gesichter, welche die Zuhörer mit China konfrontierten. Die räumliche Trennung – nicht im erblühenden Garten, sondern im lichten hohen Raum mit den alten Säulen – gab den Gästen das Gefühl der Geborgenheit, um sich den Auszügen zu stellen.

Nachdem Brigitte Wagner begrüßt hatte, eröffnete die Lesung mit Sprichwörtern, die schmunzeln ließen, aber auch aufhorchen. Eine sprichwörtliche Weisheit: »Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.« Rund 600 vor Christus begann die Zeitreise und ging weiter mit Gedichten aus der Han-Zeit bis zur Song-Dynastie. Sie umfassen den Zeitraum von 200 vor Christus bis 1279 nach Christus.

Die beiden Lesenden wechselten sich je nach Thema ab, und durch ihre Stimmen, Betonungen und das Innehalten wurden die Texte sichtbar. Die Zuhörer gingen mit, eine aufmerksame Stille war vorhanden. Das Sich-wohl-fühlen fand ein jähes Ende. Die heile Welt wurde erschüttert und aufgewühlt durch den Vortrag des Gedichtes »Massaker« von Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan. 1989 entstand das Gedicht, verbreitete sich über die Grenzen Chinas hinaus, vier 4 Jahre Haft mit schweren Misshandlungen für Yiwu folgten. 2011 verließ er China, lebt nun in Berlin und erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

»Massaker« – der lange Schrei von Menschen, die verfolgt sind: Christoph Holbein wurde als Lesender zum Schrei, er wühlte auf und ließ die Hörer frieren und nach der Hand des Nachbarn greifen. Es war unglaublich. Diese andere Seite gehörte unbedingt dazu: Harmonie, Schönheit – die eine Seite, das Sich-Wehren, Aufbegehren-Müssen – die andere. So schloss sich der Kreis an diesem Nachmittag mit Nachdenken und Innehalten. Die Lesung im Raum tat gut, er gab Halt, Geborgenheit. Kräftig kam der Beifall, nach einer Stille der Betroffenheit. Bei Kaffee und Kuchen ergaben sich rege Gespräche. Ein Rundgang durch den Skulpturengarten und die Galerie brachte den inneren Frieden: Großes Lob für die beiden Darbietenden und für die Veranstalter der Galerie im Fehlochhof.

                                                                                                                                                     Schwarzwälder Bote, 5.5.2015

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Herbstflimmern

Auftritt in der stadtbücherei meßstetten

Kritik Herbstflimmern ZAK_0001

Theaterkritik Kräuterkasten

Herbstflimmern“

Theater unter der Laterne im Kräuterkasten

Am Freitag spielte das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten Rolf Salomons Tragikomödie über die Alzheimer Krankheit „Herbstflimmern“ mit Christoph Holbein als Charles Leconte, Barbara Wydra als seine Tochter Camille, Gabriele Gatzweiler als seine Haushälterin Bernadette und Joachim Mangold als Schachpartner Francois.

M. Leconte trippelt in den Salon seines Pariser Appartements, schick im dunklen Anzug mit Weste und Krawatte. Aber er beginnt mit brüchiger Stimme lauthals zu schimpfen, auf die unmögliche Musik im Radio, auf die Nutzlosigkeit von Hörgeräten, er doziert über die Vorteile des Rauchens, das „die Sinne schärft“. Seine freundliche, aufmerksame Haushälterin Bernadette kann ihn nicht umstimmen. M. Leconte ist Bretone, den es nach Paris verschlagen hat, Das könnte ja die Ursache für seine Sturheit sein. Dass der Grund dafür im Beginn seiner Krankheit liegt, ist dem Publikum früher klar als Bernadette und Tochter Camille, die sich zunächst selbst beruhigen „Manchmal vergisst er etwas, (den Regenschirm, wo die Schuhe sind) aber sonst..“ Freundlich, ja zärtlich wird Leconte, wenn er von seiner verstorbenen Frau Marie erzählt. Aber ist sie tot? Sie hat doch das Essen für den Freund Henri gekocht, der sich immer wieder telefonisch meldet. Und jetzt wollen sie in Urlaub fahren. Leconte packt den Koffer, Marie geht voraus auf die Straße – und ist plötzlich verschwunden. Immer wenn Leconte in seine imaginäre Welt eintaucht, wird die Szene in Dunkel getaucht. Bernadette und Camille bekommen nichts mit, hören nie das Telefon, Bernadette hat zwar das Gastmahl gekocht, geht dann aber aus dem Haus. Eindringlich spielt Christoph Holbein. Diese unbeholfenen, hastigen Bewegungen, dieser leere Blick, wenn er etwas gefragt wird, was er nicht mehr weiß, diese Überheblichkeit, wenn er seine Kenntnisse von sich gibt und ganz selbstverständlich einen Augenblick später das Gegenteil behauptet. Gabriele Gatzweiler überzeugt als geduldige Haushälterin, die mitfühlend das Bild von Marie betrachtet, tröstet, aufmerksam zuhört, aber auch Ratschläge gibt, nicht nur M. Leconte sondern auch dessen Tochter Camille zu deren Eheproblemen. Bei aller Tragik kommt die Komik nicht zu kurz. So verwandelt sich Barbara Wydra gekonnt von der biederen, leicht verklemmten Camille im grauen Kostüm in eine lockere junge Frau in rotem Kleid, die sogar Reizwäsche kauft. Leconte erinnert mit seiner absurden Streitsucht manchmal an Figuren von Loriot. Zu einem besonderen „Dinner for one“ wird das Abendessen, wenn Leconte seinem nicht anwesenden Freund Muscheln vorlegt, Wein einschenkt, sich mit ihm unterhält. Richtig komisch auch Joachim Mangold als Schachpartner Francois, der sich einfach nicht zum Zug entscheiden kann. Aber die reale Welt entgleitet immer mehr und so fragt Leconte am Schluss seine Tochter „Wer sind Sie. Müsste ich Sie kennen?“.

Der Kräuterkasten hat sich in einen Theatersaal verwandelt, das Publikum hat einen großartigen Theaterabend erlebt. 

                                                                                                                                             Ute Büttner, Zollernalbkurier, 24. März 2015

 

Herbstflimmern

Als ob der Tag sich selbst frisst

»Theater unter der Laterne« thematisiert mit »Herbstflimmern« ergreifend Alzheimer

Albstadt-Burgfelden (müb). Schwerverdauliche, aber gute und hochaktuelle Kost mit humorvollen Sahnehäubchen hat das »Theater unter der Laterne« mit dem Kammerspiel »Herbstflimmern« von Rolf Salomon im Berg-Café serviert. Das Stück behandelt die Alzheimer-Krankheit. Derart hautnah und authentisch spiegelt »Herbstflimmern« den Verlauf der Alzheimer-
Krankheit, dass die Gäste im Berg-Café sofort Parallelen erkennen: »Genau wie bei meiner Oma«, oder: »Meine Mutter ist auch so.« Das mündet am Ende in einen munteren Erfahrungsaustausch.

Mit ihrem eindrucksvollen Spiel zeigen die Akteure des »Theater unter der Laterne« die vielen Gesichter der heimtückischen
Krankheit. Mit brillanter Schauspielkunst stellt Regisseur und Hauptdarsteller Christoph Holbein mit allen charakteristischen Zügen den 75-Jährigen Charles Leconte dar. Dabei verwandelt sich das ganze Café in einen Schauspielraum: Im Ess- und Wohnzimmer auf einem kleinen Tischchen steht ein Nostalgie-Telefon und das Bild von seiner verstorbenen Frau Marie;
die Theke wird zur Küche. In seinem Pariser Appartement beschäftigt er die junge Haushälterin Bernadette (Gabriele Gatzweiler), die ihn umsorgt, hegt und pflegt. Als sie ihn darauf anspricht, warum er sich fein gemacht habe, staunt sie über die Antwort: »Wie – Sie treffen sich mit einer Frau auf dem Friedhof?«. Es ist der 15. Todestag seiner geliebten, an Brustkrebs
verstorbenen Marie. Er sucht den Handbesen und steckt ihn in die Jackentasche, vergisst im Gehen den Schirm.

»Alle meine Freunde
sind krepiert infolge
der Hitzeperiode«

Als seine Tochter Camille (Barbara Wydra) zu Besuch kommt, die den Todestag ihrer Mutter vergessen hat, bringt Leconte ihr sein Adressbuch mit der Bemerkung: »All’ meine Freunde sind vor zwei Jahren infolge der Hitzeperiode krepiert.« Durch die
Lektüre der Tageszeitung ist der Senior – was aktuelle Themen angeht – bestens im Bilde, weiß, dass die EU Cystein aus asiatischem Menschenhaar in Brötchen verboten hat. Diese Klarheit wird auch beim Schachspiel mit Francois (Joachim Mangold), der offensichtlich verwirrter ist als Leconte, deutlich. Um so mehr gerät sie ins Schwanken, als er als einziger das Telefon klingeln hört und Bernadette beschuldigt, mit ihren Ohren stimme etwas nicht. Seinen früheren Freund Henri lädt Leconte zum bretonischen Essen ein und bedient ihn fiktiv. Und plötzlich ist auch Maries Stimme für ihn präsent: Er redet mit ihr, packt den Koffer, um mit ihr in seinen Geburtsort nach Paimpol zu fahren, schickt sie vor, um das Taxi zu rufen – dann ist sie verschwunden. Er ruft verzweifelt und so lautstark nach ihr, dass sich ein Nachbar beschwert. Camille stellt Leconte zur Rede, doch da weiß er von dem Vorfall schon nichts mehr und fragt sie, wer denn den Koffer gepackt habe: »Den habe ich
heimlich gepackt, damit wir mal zusammen wegfahren.« Im Selbstgespräch wundert sich Leconte: »Es ist, als ob sich der Tag an seinem eigenen Schwanz auffrisst. Warum diese Melancholie? Eigentlich müsste ich doch fröhlich sein!«

»Wer sind Sie? Müsste ich Sie erkennen?« fragt Leconte seine Tochter

Das Stück endet wie die Krankheit: mit dem totalen Gedächtnisverlust. »Wer sind Sie? Müsste ich Sie kennen?«,
fragt Leconte seine Tochter. Die Frage geht unter die Haut wie das ganze Stück, für welches das Publikum den Akteuren
anhaltenden Applaus spendet. Im dazugehörigen Programmheft wird der Verlauf von Alzheimer und von Demenz beschrieben – und ein Rezept bietet es auch. Nicht gegen die Krankheit – aber immerhin für das bretonische Essen.

Schwarzwälder Bote, Donnerstag, 12. März 2015